Datum: 26. Juli - 10. August 2008
Seminarleiter: Eric Wrasse (DE), Maxim Stepanow (RU), Katja Sieg (DE), Kristina Pokorná (CZ), Alona Karavay (UA)
Ankommen in Weimar:
Adam und Ivona sind die ersten der zwanzig Teilnehmer des THK-Sommerseminars, die ich kennenlerne. Wir treffen uns in Leipzig an einem Samstagmorgen, der zu heiß ist für Aktivitäten jeglicher Art, abgesehen von Baden und Trinken. In meinem pinkfarbenen Auto, das uns nach Weimar bringen soll, hat es gefühlte 78°Celsius. Wir bleiben tapfer und brüllen uns an, um die Ford-Fiesta Klimaanlage (offene Fensterscheibe) zu übertönen.
Die Tore der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte liegen noch einsam. Nur ein Zettel verweist auf Kaffee und Kuchen - in drei Stunden. Wir haben Hunger. Ivona lechzt nach Suppe, Adam will Döner und mir schmerzt der Kopf. Also laufen wir in die Stadt, in der ich jede Straße kenne, und schauen uns den Sommer in Weimar an, der golden ist und voll von Pferdekutschen, Touristen und Bratwurstgeruch.

Später:
Viele neue Namen und Gesichter, die in den folgenden beiden Wochen sehr vertraut werden, sammeln sich mit grünen Getränken und sagen ?Hallo? und ?Woher kommst du??. Die Kennenlernspiele (etwa alphabetisches Herumklettern auf Baumstämmen) fördern vor allem Körperkontakt, Worte (sprich: Informationen) werden dann im lauwarmen Weimarer Nachtleben ausgetauscht.

Weimar bei Tag und bei Nacht:
Der Sonntag beginnt im Morgengrauen. Mit müden Gesichtern schlingen wir Marmeladenbrötchen und sind fasziniert von unseren Seminarleitern, die Energie für den Rest der Welt haben und uns durch Vorführung des ?Käfers? (pädagogische Maßnahme bei Zuspätkommen) fortan zum freiwilligen Frühaufstehen bewegen. Katja, Aljona, Kristina, Maxim und Eric, die mit immer neuen Ideen, Methoden und Inhalten jeden Tag besonders machten.
Nationalismus und Radikalismus sind die Schwerpunktthemen der ersten Woche in Weimar. Zwanzig junge Menschen aus vierzehn verschiedenen Ländern vermögen einander viel zu erzählen über die Geschichte und Politik ihrer Heimat, über eigene Erlebnisse, Erfahrungen von Diskriminierung und Gewalt, über Zivilcourage und Toleranz.
In den Köpfen geblieben sind vor allem die persönlichen Geschichten ? wie die von Ivona oder Nastja, die viel Mut bewiesen sich uns zu erzählen und alle berührten. Auch das Gespräch mit Herrn Anton von EXIT, der viele Jahre aktives Mitglied der NPD war und nun als Aussteiger von Strukturen und Ideologie der rechtsextremen Szene berichtet, eröffnete uns, wenn auch in vielen Punkten streitbar, neue Blickwinkel.
To put it all in a nutshell? In Weimar wurde gestritten, diskutiert, gespielt, getanzt, getrunken, gesungen, geweint. Und am Ende dieser Woche stand Buchenwald, einst Schauplatz der Symbiose von Nationalismus und Radikalismus ? ein Ort, der für sich steht und viele bewegte und manchem fremd blieb.
Oßmannstedt?
liegt eigentlich ganz nah. Wir haben einen langen Sonntag gebraucht den Weg zu bewältigen. Dafür neue deutsche Wörter (stoppeln), russische Marschlieder und unbekannte thüringische Provinz kennengelernt. Und dann angekommen im wunderschönen Wielandgut und uns wie die Piranhas auf das Buffet gestürzt ? die Küchenfrauen sah man fortan nur noch ängstlich hinter Vorhängen hervorlugen. Aber die Mahlzeiten waren Hochzeiten und draußen war es warm und die zweite Woche ungleich intensiver. Nicht nur durch das nahe Beisammenleben und -arbeiten, sondern vor allem durch die Vertrautheit und Offenheit, die entsteht, wenn man sich besser kennt. Und wir lernten einander gut kennen und es hat uns klüger gemacht ? zu erfahren wie Adam und Ivona den Zerfall Jugoslawiens miterlebten, wie Larisa den politischen Alltag in Belarus wahrnimmt, worin Olga die Gründe des extremen Ausländerhasses in Woronesh sieht, warum für Sara und Marcin Warschau nicht die Hauptstadt Polens ist. Und letztlich mitzuerleben, wie ein Krieg in Georgien beginnt und Sandro zu sehen, der nicht weiß, ob er nach Hause zu seiner Familie fliegen kann. Oder ob er bald als Soldat in einem Krieg kämpfen wird. Wie klein und sicher habe ich mich da in meinem eigenen Leben gefühlt. Und genau das hat dieses Seminar so unvergleichlich gemacht ? die Vergangenheit und Gegenwart verschiedenster Menschen meines Alters, die sich zum Teil so sehr von der meinen unterscheiden, erzählt zu bekommen. Und mit diesen Geschichten im Kopf zu erkennen, dass wir es zwar nicht vermögen Großes zu verändern, aber mit dem Kleinen beginnen können ? mit unserem Umfeld, unserem Alltag. Und so sind Projekte entstanden, die aufklären und informieren wollen - über das Nachbarland, über Toleranz und Ausgrenzung in der eigenen Stadt, über gesunde Ernährung, über Möglichkeiten studentischer Selbstbestimmung.
Elisa Satjukow
Impressionen
I.
Länderabend. ?Dauert maximal bis neun?. Um neun waren gerademal der Samowar aufgebaut, die Souvenirs drapiert und die Mädchen hübsch gemacht. Aber schon nach der ersten Power-Point-Präsentation wurde der Kassettenrecorder angeschmissen und das Tanzbein geschwungen. Polonaise durch den Goethepark, später dann Wodka und Blini und bunte Filmchen mit halbnackten auf bosnischen Seen segelnden Frauen. Go east!
II.
Oßmannstedt hat einen Supermarkt, ein Kaffeestübchen, Wielands Grab und ein Freibad. Auf der Hauptstraße, also der Einzigen, sichtete man pro Tag zwischen fünf und zehn Passanten, meist im Kindes- oder Greisenalter. Für unseren Flashmob brauchte es Menschen, genauer gesagt: Oßmannstedter. Als internationale Reisegruppe getarnt, zogen wir durchs Dorf, angeführt von Nastja, die mit Inbrunst von den Sehenswürdigkeiten rechts und links von uns berichtete (mit Blick auf ein graues Einfamilienhaus: ?Hier hat Napoleon gewohnt!?). Auf der Suche nach dem Goethehaus drangen wir quasi gewaltsam in einen Innenhof, um eine ältere Dame nach dem Weg zu befragen. Diese erklärte uns im besten Thüringisch, dass wir uns nicht in Weimar befinden und es dem nach auch kein Goethehaus gibt, woraufhin 20 aufgeregte Pseudo-Touristen, jeder in seiner Sprache, in wilde Diskussionen verfielen. Die arme Frau versuchte geduldig mit Nastja und Adam zu kommunizieren, gab irgendwann auf und sank ein wenig verzweifelt in ihren Plastikstuhl zurück. Die Horde zog weiter.
III.
?Haben Sie Brot??, fragte Ivona höflich den Horst oder Eckardt, der uns in seiner Kneipe, inmitten der Oßmannstedter Kleingartenanlage, täglich deftiges deutsches Mittagessen servierte. An besagtem Tag gab es Klöße, eine thüringische Spezialität aus halbrohen, zu unförmigen Bällen geformten Kartoffeln. Dazu, wie es sich gehört, Fleisch und Kraut. Nachdem schon der Wunsch nach Ketchup mit einem empörten ?Wozu? Es gibt doch Soße!? quittiert wurde, bestürzte ihn die Brot-Frage ungleich mehr. -Warum um Himmels willen brauchen die Brot, wenn es doch Kartoffeln gibt-, dachte sich der gute Mann und etwas weniger freundlich vermittelte er dies auch Ivona, die daraufhin weiter unglücklich in ihren matschigen Kloßteilen rumstocherte. Aber ein wahrer Oßmannstedter Gastwirt hat auch ein Herz und siehe da ? am nächsten Tag stand Brot auf dem Tisch und Horst oder Eckardt kopfschüttelnd hinter der Theke.